In Deutschland werden im Jahr ca. 650.000 Babies geboren. Davon müssen ca. 15% stationär in einer Kinderklinik behandelt werden. 8-10% der Kinder werden zu früh geboren (< 37 Schwangerschafts- wochen). Durch ihre zu frühe Geburt sind ihre Organe noch nicht ausgereift. Deshalb benötigen diese Kinder medizinische Unterstützung und Versorgung, da sie sich mit Infektionen und Komplikationen auseinander- setzen müssen.

Die meisten dürfen gesund die Klinik verlassen. Einige müssen mit Behinderungen leben; manche sterben.

Die Verbesserung der Überlebensqualität der kleinsten Patienten ist seit Beginn dieser medizinischen Fachdisziplin das Ziel der Neonatologie.

Man braucht nicht sehr weit zurückzuschauen, um an die Anfänge der modernen Neonatalmedizin zu gelangen. 1960 wurde im amerikanischen Bundesstaat Conneticut die erste Intensivstation für Neugeborene
eingerichtet. Damit begann die Entwicklung der Neonatologie als eine Subdisziplin der Pädiatrie und beschleunigte sich in den folgenden Jahren technologisch wie klinisch mit einer rapiden Dynamik. Wenn vereinzelt behauptet wird, dass die Fortschritte der Medizin in den letzten zwei Jahrzehnten die der zwei Jahrhunderte davor bei weitem übertreffen, so gilt dies im hohen Maß besonders für die Neonatologie.

Durch die Einführung der künstlichen Beatmung wurde in den 70er Jahren die „moderne“ Neonatologie begründet. Seither hat sich die Neonatologie stetig weiterentwickelt. Immer neue, meist intensivmedizinische Maßnahmen wurden eingesetzt. So war die Einführung der Surfactanttherapie in den 80er Jahren von entscheidender Bedeutung, weil der Ersatz des beim Frühgeborenen fehlenden natürlichen Surfactant als ein von außen zugeführtes Medikament möglich wurde.

Die natürliche Grenze der Lebensfähigkeit eines Frühgeborenen liegt jetzt bei Beginn der 24. Schwanger- schaftswoche.

In den letzten Jahren haben sich jedoch Erkenntnisse durchgesetzt, die den Einsatz von intensivmedizinischen Maßnahmen, allem voran die künstliche Beatmung, eher zurückdrängen. Dies wird begünstigt durch bessere Schwangerenvorsorge und dem Einsatz von bereits vorgeburtlicher medikamentöser Lungenreifung.

Auch wurden Veränderungen wie kindgerechte Lagerung (sog. Kinesthetik) und die sogenannte Känguruh- Technik eingeführt. Das ermöglicht auch ganz kleinen Kindern den frühen Hautkontakt mit Mutter (und Vater) durch das Legen des Kindes auf die elterliche Brust. Sowohl für Vater/Mutter als auch für das Kind ist dies eine wichtige frühe Erfahrung.

Inzwischen kann die Pionierzeit der Neonatologie als abgeschlossen angesehen werden. Diagnostik und Therapie sind relativ weit standardisiert und die Behandlungsverfahren vereinheitlicht. Neuerungen müssen sehr sorgfältig durch wissenschaftliche Studien hinsichtlich Haupt- und Nebenwirkungen sowie Langzeitfolgen geprüft und belegt werden.

Dank zahlreicher Entwicklungen in der Medizin ist die Häufigkeit von Komplikationen heute rückläufig. Gleichzeitig hat sich die Langzeitprognose für die frühgeborenen Kinder verbessert. Dies ist auf eine konstante ärztliche und pflegerische Qualität im Schichtdienst und auch auf verbesserte medizintechnische Ausstattung zurückzuführen, sowie durch die hohe Qualifikation der Ärzteteams und der Pflegekräfte und die hervorragenden Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen. Die Neonatologie ist ja bekanntlich ein besonders kooperatives und kooperationsbedürftiges Fach. Kinderkardiologen, Kinderchirurgen,
Kinderneurologen, Kinderradiologen und Stoffwechselfachleute und verschiedene Andere gehören zu der personell sowie funktional hochdifferenzierten klinischen Expertengruppe, die der Neonatologe als eine Art „Allgemeinarzt für Neugeborene“ zu koordinieren und zu dirigieren hat. Die Vernetzung mit allen erforderlichen Fachabteilungen und mit der Gynäkologie erlaubt somit eine umfassende Behandlung der kleinen Patienten.

Um optimale Bedingungen für die kranken Kinder zu erlangen, bedarf es eines hohen medizinischen Standards, guter Zusammenarbeit im Behandlungsteam und nicht zuletzt einer intensiven Einbindung der Eltern und der Familie der kleinen Patienten.

Inzwischen wurde viel erreicht und das Thema Frühgeborene findet auch in der Öffentlichkeit regelmäßiges Interesse und anhaltende Aufmerksamkeit.

Elternverbände und Förderkreise haben sowohl durch lokales als auch durch europaweites Engagement geholfen, den besonderen Unterstützungsbedarf für Frühgeborene und kranke Neugeborene sowie deren Familien bekannt zu machen.