Je kleiner ein Kind, um so uninteressanter scheint es für die Gesellschaft zu sein. Dies erleben täglich Eltern, Schwestern, Ärzte und vor allem die kleinen Patienten der Frühgeborenenstationen.
Was ist ein Frühgeborenes, welche Sorgen und Belastungen ergeben sich für die Eltern eines Neugeborenen, das nach der Geburt in eine Kinderklinik verlegt werden muss? Hier aufzuklären wäre eine Aufgabe.
Frühgeborene sind Kinder, die zwischen der 26. und 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen (normal sind 40 SSW.). Ihre Organe sind unreif, manchmal krank, die Körperfunktionen müssen unterstützt und überwacht werden. Medizinischer Fortschritt, spezialisierte Pflege und zunehmende Erkenntnisse in der Behandlung haben in den letzten Jahren die Chancen für diese Kinder deutlich verbessert, nach einem schwierigen Start ein gesundes Leben zu führen.
Angeschlossen an Monitore, Beatmungsgeräte, an Kabel und Schläuche werden diese Kinder auf neonatologischen Fachabteilungen rund um die Uhr versorgt. Alle natürlichen Gegebenheiten des Mutterleibes wie Wärme, Schutz, Ernährung und Stoffwechselfunktionen müssen für einige Zeit künstlich übernommen werden.
Frühgeborene sind lebendige, einzigartige kleine Menschen, unersetzbare Kinder. Sie wiegen oft nicht einmal 1000 Gramm und doch sind sie fähig Signale auszusenden, sie sind kommunikationsfähig, wenn auch sehr diskret und es bedarf einiger Erfahrung dies zu erkennen. Sie äußern Schmerz und Unwohlsein ebenso wie Wohlbefinden, sie sind wach oder sie schlafen, sie bewegen sich und reagieren auf Berührung, Stimmen und Veränderungen.
Isoliert im Schutz der Spezialabteilung wachsen und gedeihen die meisten dieser Frühchen. Sie kommen so im normalen gesellschaftlichen Leben noch gar nicht vor. Dies mag der Grund sein, warum der Wert ihres Lebens und ihre Problematik oft so anders gesehen wird, als bei anderen Menschen.
Ungeborenen Kindern wird ein weit größeres Interesse entgegengebracht, als gleichaltrigen, die schon geboren sind. Ebenso verhält es sich mit der Unterstützung der Eltern. Alle Eltern erwarten und freuen sich auf ein gesundes, ausgetragenes Kind. Doch plötzlich kann aus der Vorfreude Schrecken und Sorge werden, um ein viel zu früh geborenes lebensschwaches Baby oder um ein krankes oder missgebildetes Neugeborenes. Sie erleben Ängste, Trauer, manchmal auch Schuldgefühle. Sie werden mit der Atmosphäre einer Intensivstation konfrontiert. Sie sind noch gar nicht auf ihr Kind vorbereitet und jetzt liegt es vor ihnen im Brutkasten, fremd und winzig klein. Diese Eltern geraten mit ihrem Kind in die Isolation. Unverständnis und Hilflosigkeit ihrer Umgebung, die eigene Überforderung mit der Situation umzugehen und fehlende Hilfen finanzieller Art drängen die Familien oft in seelische und soziale Not.
Der Medizin sind auch Grenzen gesetzt und nicht jedes Leben kann erhalten werden. In diesen Grenzsituationen zwischen leben und Tod, mit den Stressbelastungen durch ständige Intensivmaßnahmen und Notfallsituationen, arbeiten Schwestern und Ärzte Tag und Nacht. Die hohe Verantwortung für die anvertrauten Patienten, die gute fachliche Ausbildung sowie die Begleitung der Angehörigen und Kinder auch in der Sterbephase erfordern eine verbesserte Weiter- und Fortbildung. Eine Betreuung auch der Schwestern und Ärzte, mit diesen Konfrontationen fertig zu werden und umzugehen ist wichtig, aber nur selten vorhanden.
Kinderkrankenschwestern K. Jäckle und A. Braun